Der Geschmack von Gras...

... an jedem verdammten Sonntag

 

Über den Reiz niveauloser Ästhetik.

 

Wo Kreisklasse drauf steht, ist auch Kreisklasse drin. Ehrlicher Fußball: Ohne Allüren, ohne große Taktiererei, ohne technische Finesse. Dafür mit ganz viel Emotionen. Keine Söldner, kein zusammengekaufter Haufen. Hier werden noch Spiele am Vorabend am Tresen entschieden. Während der Saison heißt es an jedem verdammten Sonntag: Fußball kämpfen - bis nichts mehr geht. Das gilt auch für mich und den Kaiser, den fußballbegeisterten IT-Fachmann und 1860-Fan, der auch in dieser Episode der Reihe "Hochsterilisiertes" die Nebenrolle übernimmt.



Mit unseren Trainingstaschen über den Schultern schlurften wir am späten Vormittag auf den Sportplatz der TuS Pötzlingen. Vor einem Jahr hat mich der Kaiser überredet, nochmal meine Fußballschuhe zu schnüren. Ich habe in der Jugend mal gekickt, entwickelte aber mit der Zeit die Einsicht, dass ich in der passiven Rolle des Zuschauers wohl weniger Schaden anrichten würde als auf dem Platz. In der vergangenen Saison dann das nicht mehr für möglich gehaltene Comeback. Die dritte Mannschaft der TuS hätte aufgrund von Spielermangel abmelden müssen, machte mir der Kaiser - seines Zeichens Spielführer der Truppe - klar. So war es natürlich Ehrensache für mich, wieder anzugreifen. Mit meinem Wechsel peilt der Verein nun einen "gesicherten Mittelfeldplatz" in der C-Klasse - der niedrigstmöglichen Liga in Bayern - an.

Dass ich für die TuS III. nun jeden Sonntag auf dem Platz stehe, war die wohl beste Entscheidung seit meiner 500-Euro-Wette mit dem Kaiser, der behauptete, dass Francis Kioyo nochmal Champions League spielen wird. Ich helfe dem Team zumindest mit meiner Anwesenheit ein Stück weiter. "Egal wie schlecht du bist - du bindest immerhin einen Gegenspieler", lobte mich der Trainer schon so manches Mal. Ich genieße dieses Vertrauen und bin froh, das Abenteuer Kreisklasse aktiv miterleben zu dürfen. Denn sind wir mal ehrlich: Fußball auf diesem Niveau hat seinen Charme. Beispiele? Bitteschön!

Kreisklassenfußball ist, wenn man als Abwehrspieler einen Ball völlig unbedrängt auf die benachbarte Kuhweide ballert und dafür noch von der versammelten Mannschaft ehrlich gefeiert wird. Frei nach dem Motto: "Endlich mal einer, der klare Dinger hinten raus spielt!"

Kreisklassenfußball ist, wenn bei jeder und wirklich jeder Verletzung das Eisspray gezückt wird. Egal ob Prellung, Zerrung, Riss, offener Bruch, Nasenbluten oder Gehirnerschütterung - die Dose mit dem kühlen Linderungswunder zückt der Betreuer, dessen letzter Erste-Hilfe-Kurs noch den Führerschein zum Anlass hatte, bei jedem Gebrechen seiner Schützlinge. Einer Kreisklassenlegende nach ist ein Spieler, der sich vor dem Spiel komplett mit Eisspray einsprüht, für 90 Minuten unverwundbar...

Kreisklassenfußball ist, wenn ein seniler Schiedsrichter mit gefühlten 80 Jahren noch das entscheidende Aufstiegsspiel pfeifen darf. Mit dem Bewegungsradius des Mittelkreises ist er der festen Überzeugung, jede Abseitsposition auf den Zentimeter zu erkennen, wobei er nach Ansicht der benachteiligten Mannschaft ohnehin "immer nur auf Zuruf" der Zuschauer oder gegnerischen Spieler entscheidet.

Kreisklassenfußball ist, wenn der Trainer jedem Spieler vor der Partie tief in die Augen schaut. Nicht etwa, um dort das Feuer aufs anstehende Spiel erkennen zu wollen, sondern vielmehr um den Promillepegel eines jeden Einzelnen einschätzen zu können.

Kreisklassenfußball ist, wenn der Spielmacher, der es "wegen Arbeit und so" schon seit Wochen nicht zum Training schafft, bereits vor der Halbzeit von Krämpfen geplagt vom Platz muss. Hätte der Betreuer nicht das Eisspray dabei gehabt, wäre nicht mal der Gang in die Kabine ohne das Stützen seiner Mitspieler möglich gewesen.

Kreisklassenfußball sind abenteuerliche Spielstätten. Wenn der Rasenmäher der Gemeinde kurzfristig streikte, wird notfalls auf einer von Pilzen und Löwenzahn bewachsenen Rasenfläche gekickt. Genauso zum Kreisklassenalltag gehören Seiten- und Torauslinien mit schwindelerregenden Kurven, die bis zu einem halben Meter ins Spielfeld ausschlagen. Aufgrund von mangelhaft gekreideten Plätzen kommt es auch öfters vor, dass der Schiedsrichter den längst verblichenen Elfmeterpunkt kurzerhand selbst ermitteln muss. Elf "gefühlte Meter" läuft er dafür ab. Es ist dann aber auch nicht kriegsentscheidend, wenn der Schütze aus tatsächlichen 9 oder gar 13 Metern antreten muss. Willkommener Spaß: Schon als versenkt bejubelte Torschüsse, die in einer Pfütze oder Sandkuhle vor der Linie stecken bleiben.

Kreisklassenfußball ist vor allem ein Sport für Altmeister. Ehemalige Topspieler aus der Umgebung schnüren hier noch ihre Bolzer und leben mehr von ihren alten Geschichten als ihren Taten auf dem Platz. Der Klassiker: Ein Mitvierziger, der früher schon "ganz hoch gespielt hat", und dessen beide Kniebandagen an die unzähligen Kreuzbandrisse aus der Vergangenheit erinnern. Ärzte rieten dringlichst vom aktiven Spielbetrieb ab. Aber ohne gehts halt nicht. Einzig die Zweikämpfe werden nicht unbedingt mit der Härte aus vergangenen Tagen geführt.


Kreisklassenfußball sind eingeflogene Blutgrätschen auf Kniehöhe, bei denen man auch mal mit einer Verwarnung davon kommt. Persönliche Zwiste zwischen verfeindeten Spielern aus den Nachbardörfern oder Stadtteilen können unter dem Deckmantel eines Fußballspiels mit aller Härte ausgefochten werden. Selten greift ein Schiedsrichter mit der nötigen Rigorosität durch. Klassischer Ausruf eines Spielers, der gerade rüde von den Beinen geholte wurde: "Spinnst du, Macker?! Ich muss morgen noch arbeiten!" Klassischer Ausruf von den heimischen Zuschauern: "Der hat schon Gelb! Raus die Sau!" Dabei ist es gänzlich unerheblich, ob der Spieler vorher überhaupt schon ein Foul begangen hat.

Stichwort Fans: Kreisklassenfußball lebt auch von den Zuschauern. Zugegebenermaßen sind es nicht immer viele Fans auf diesem Niveau, aber jeder kleine Verein hat seine Stammzuschauer aus dem Dorf. Wo es Kümmerling und Bier gibt, findet man "die Originale". Sie haben schon alles gesehen und mitgemacht. Sie verunsichern die Schiedsrichter und gegnerischen Spieler gern mit Beleidigungen unter der Gürtellinie. Folgliche Sportplatz-Verweise werden pöbelnd - aber routiniert - hingenommen. Stammzuschauer gehören quasi zum Inventar eines jeden Dorfvereines.

Kreisklassenfußball ist, wenn man trotz einer bemerkenswerten Höhe von Restalkohol im Blut noch vor dem Spiel gefeiert wird, da man den gegnerischen Top-Stürmer schließlich am Vorabend "komplett unter den Tisch" gesoffen hat. Taucht dieser am nächsten Tag dann nicht mal auf dem Spielberichtsbogen auf, ist das Sonderlob schon vor dem Anpfiff gewiss.

Kreisklassenfußball sind die mit Abstand schlechtesten Schwalben, die man je gesehen hat. Wer sich über die Theatralik der Laien-Schauspieler von RTL-II-Reality-Soaps beschwert, hat zu wenig Zeit auf den Fußballplätzen der Kreisklasse verbracht.

Zum Kreisklassenfußball gehören eine optimale Spielvorbereitung und volle Konzentration. So kann es durchaus passieren, dass die Bankspieler in der Halbzeitpause am Bratwurst-Stand bei Krakauer und Pommes anzutreffen sind. Kurz bevor der Coach mit dem Team wieder aus Kabine kommt, stehen die Jungs aber längst wieder auf dem Platz, um ihre Alibi-Dehnübungen zu machen. Der letzte Bissen wurde schnell mit einem Schluck Pils aus den Reihen der Zuschauer runtergespült...

Kreisklassenfußball sind Verpflichtungen für Neuzugänge. Eine Kiste Bier zum Einstand, eine Kiste beim ersten Einsatz, eine beim ersten Tor, eine nach dem Versieben der Großchance kurz vor dem Abpfiff. Es wird ohnehin schon spekuliert, wann das Bier den Euro als Währung auf den Kreisklassenplätzen ablöst.

Im Kreisklassenfußball ist kein Platz für die Messis dieser Welt. Technisch versierte Spieler können sicher einen oder auch zwei Spieler per Übersteiger aussteigen lassen, aber spätestens beim dritten Gegner ist Sense. Im wahrsten Sinne des Wortes. Frei nach dem Motto: Ball oder Gegner dürfen vorbei - aber niemals beide gleichzeitig...

Kreisklassenfußball sind Spieler im Bereitschaftsdienst. Wenn der Libero den Anruf von der Arbeit bekommt, wird das Handy auch mal kurzerhand aufs Spielfeld geworfen. Wird es zeitgleich im eigenen Strafraum brenzlig, wird der Chef am anderen Ende der Leitung auch mal Ohrenzeuge des Elfmeterpfiffes. Besitzt der Libero die Gabe der Antizipation und erkennt den gegnerischen Konter rechtzeitig, ist der Rückruf bei der nächsten Spielunterbrechung meist die beste Idee.


Zurück auf dem Sportplatz der TuS Pötzlingen: Nach einem lockeren 5:1 gegen den Tabellenletzten ließ ich mich in der Kabine ermattet auf die Bank fallen. "Sicherlich, der Gegner ist an diesem Tag nur mit zehn Mann angereist", begann unser Coach seine abschließende Ansprache. "Aber das sah zumindest teilweise nach Fußball aus." Auf meine Frage unter vier Augen, wie er meine Leistung heute sah, verzog er keine Miene: "Bei dir muss ich jedes Wochenende wieder neu erraten, welcher Sportart du hier nachgehst." "Immerhin sah es nach Sport aus", deute ich mir seine Antwort ins Positive. Mein Trainer blickte mich mitleidig an, verzog wieder keine Miene und klopfte mir wortlos auf die Schulter. Für meinen ersten Treffer im Dress der Pötzlinger, der mir an diesem Nachmittag gelang, war ich meinem Team natürlich im Anschluss die obligatorische Bierkiste schuldig. "Dein erster Treffer, wenn auch ins eigene Tor", zwinkerte mir der Kaiser zu, als er sich eine Flasche aus dem Kasten zog. Ich glaube, ich bin nun endgültig bei der TuS angekommen. In der Kreisklasse. Wo Fußball noch in seiner Reinform zelebriert wird. An jedem dieser verdammten Sonntage...

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Autor: Zac (Joël Grandke)

Quelle: www.spox.com